Was die Schweiz bewegt

Wenn man sich regelmäßig die Online-Ausgabe der selbst ernannten Qualitätszeitung “Berner Zeitung” (BZ) anschaut, entsteht der Eindruck, in der Schweiz würde so gut wie nichts Nennenswertes passieren. Anders ist es nicht zu erklären, dass den Lesern dort drei Tage hintereinander Berichte über das Thema “Pferdemist” zugemutet werden. In den sehr ausführlichen Artikeln geht es unter anderem um den mengenmäßigen Anstieg von Pferdeausscheidungen, die Arbeit eines professionellen Pferdeäpfelaufklaubers und die angedachte (und teilweise schon umgesetzte) „Windel“-Pflicht für Pferde. Dass niemand spontan in Jubelstürme ausbricht, wenn er von Tierexkrementen verunreinigte Straßen sieht, ist klar. Das Ärgernis ist allerdings viel zu gering, als das es eine Berechtigung hätte, derart groß aufgezeigt zu werden. Zwar liebt die Welt Fäkal-Storys, aber Geschichten wie diese sind von der langweiligen Sorte und daher bestenfalls eine Randnotiz wert.

Doch nicht nur Pferdemist, auch frech an Haltestellen vorbeifahrende Busse erregen die Gemüter der Eidgenossen über alle Maßen. Geschieht dies – wie im Falle einer Bernerin, die gleich zweimal von derselben Buslinie stehen gelassen wurde – so schreit die Geschichte förmlich danach, publiziert zu werden. Zumindest dürfte das so mancher BZ-Reporter so sehen und einer von ihnen hat es sich doch tatsächlich zur Aufgabe gemacht, einen Bericht darüber zu schreiben. Unfassbar, denn der Leser weiß nach der Lektüre des Artikels bestenfalls drei Dinge:

a) Frau Bühler wurde zweimal vom Busfahrer vergessen und ist deswegen ziemlich grantig.
b) Man sollte mit dem Busfahrer Blickkontakt aufnehmen, damit er ganz sicher stehen bleibt.
c) Das Lesen des Artikels hat einen zwei Minuten wertvoller Lebenszeit gekostet.

Falls der Journalist wirklich der Ansicht sein sollte, dieser fade Artikel sei eine gelungene Arbeit, dann hat er seinen Beruf verfehlt. Diese Geschichte gibt nämlich rein gar nichts her. Anders sähe es aus, wenn dieser Vorfall symptomatisch für die öffentlichen Verkehrsbetriebe der Schweiz wäre oder Frau Bühler durch den versäumten Bus ein erwähnenswerter Schaden entstanden wäre. Aber nichts dergleichen geht aus dem Artikel hervor. Was den Journalisten geritten hat, seinen Lesern einen derart inhaltslosen Schmarren zuzumuten, weiß wohl nur er selbst…

 

Ebenfalls ins Bild passt dieser BZ-Bericht über die neueste Ausgabe eines Schulkochbuchs, das fortan in der französischen Schweiz im Unterricht verwendet wird. „Croqu’menus“, so der klanghafte Name des Kochbuchs, sorgt bei den Weinbauern für Furore. Der Grund für den Trubel ist die Verbannung des Rebensaftes aus den im Buch beschriebenen Rezepten. Schüler aus der Deutschschweiz kochen seit 30 Jahren alkoholfrei und rein rechtlich gesehen hat Alkohol auch nichts in Schulküchen der französischen Schweiz verloren. Tradition scheint dort aber bis vor kurzem wichtiger gewesen zu sein als die Einhaltung von Gesetzen. Sich genauer mit diesem interessanten Aspekt zu beschäftigen hätte bestimmt mehr Sinn gemacht, als am Schluss des Artikels einen anonymen Weinbauern gegen die in seinen Augen „inquisitorischen Bücherverbrennungen“ wettern und für Weinverkostungen werben zu lassen.

Artikel wie diese lassen vermuten, dass es kein Thema gibt, das es nicht in die Berner Zeitung schaffen würde. Selbst Alltägliches, zum Beispiel Beschwerden über unfreundliche Kassiererinnen, lärmende Hunde oder schlimme Nachbarskinder, haben das Potenzial, zu journalistischen Beiträgen verarbeitet zu werden. Angesichts dieser Tatsache wird man als krisengeplagter Österreicher fast ein bisschen neidisch und denkt sich: Die Probleme würd ich auch gern haben

Monsignore hat gesprochen.

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