Schweizer Medienkritik

Seit ich mein Auslandssemester in der Schweiz begonnen habe, habe ich die große Ehre, für die Online-Plattform “Klartext.ch” zu schreiben. Diese möchte ich nun etwas genauer vorstellen: “Klartext.ch” hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Medien in der Schweiz mit Argusaugen zu überwachen und alles, was dabei (negativ) auffällt, kritisch zu kommentieren. Wenn man sich die Beiträge anschaut, die hier veröffentlicht werden, dann wird eines ganz klar: Die Schweizer haben einen völlig anderen Zugang zur Medienkritik als die Österreicher, nämlich einen gezielteren und pragmatischeren. (Ausnahme: Boulevardjournalismus)

Österreichische Journalisten neigen in der Regel dazu, das große Ganze zu analysieren. Nur äußerst selten beschränken sie sich darauf, tiefgehende Kritik an einem bestimmten Beispiel oder einem kleinen Teilaspekt zu üben. Stattdessen versuchen sie, Themen weitreichender zu beleuchten und holen dabei auch oft zu einem Rundumschlag gegen mehrere Personen oder Medien aus. Paradebeispiele dafür sind der Leitartikel des profil-Herausgebers Christian Rainers zum Ausgang der Landtagswahl in Wien (Sieg der Hetzer) und der Dichand-Nachruf des DerStandard-Medienredakteurs Harald Fidler.

Im Gegensatz dazu greifen Schweizer Journalisten dezidiert ein Beispiel heraus, das sie bis ins kleinste Detail zerlegen. Sie schauen ganz genau hin und finden Fehler, Ungereimtheiten oder anderweitige Auffälligkeiten, das man in Österreich mangels Aufregerpotenzials kommentarlos hinnehmen bzw. gar nicht registrieren würde. Beispiele gefällig? Wer sich vom emotionsarmen und ausgesprochen braven Schreibstil, den die Eidgenossen verwenden, nicht abschrecken lässt, kann sich durch den Klick auf die folgenden Links selbst davon überzeugen:

NZZ macht einen auf Gadget-Laden
(Mit dieser Kritik soll angedeutet werden, dass durch dieses Angebot die Informationen in der NZZ entwertet würden. In Österreich fiele so etwas keinem Menschen auf. Wir wären einfach froh darüber, günstig an ein iPad und ein Halbjahres-Zeitungsabo zu kommen.)
NZZ: Schweigen in eigener Sache
(Diese Kritik richtet sich gegen die NZZ, die vom Presserat für einen Fehler gerügt worden ist und das nicht sofort publiziert hat. Who cares? So schlimm, dass man deshalb sofort mit dem Finger auf die NZZ zeigen muss, ist es auch wieder nicht.)

Metaphorisch gesprochen kann man also sagen, dass österreichische Journalisten bevorzugt Holzblöcke spalten, während ihre Schweizer Berufskollegen lieber Holzscheite zerteilen. Doch das ist nicht der einzige Unterschied die Medienkritik betreffend: Österreichische Journalisten sind dafür bekannt, dass sie ihren Lesern gerne ihre Meinung aufs Auge zu drücken. Die Schweizer Edelfedern hingegen flechten ihre Ansichten auf eine derart pragmatische Weise in ihre Kritik ein, dass man als Österreicher Mühe hat, etwaige Tendenzen zu erkennen. Was in der Schweiz als stark meinungsgefärbt gilt, wird in Österreich schon fast als neutral betrachtet.

Welche Form der Medienkritik nun besser oder schlechter ist, kann nicht beantwortet werden. Eines kann man aber mit Sicherheit sagen: In Österreich würde das Schweizer Modell der Medienkritik nicht funktionieren – und umgekehrt genauso wenig.

Monsignore hat gesprochen.

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